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Borderline-Syndrom
 
Inhaltsübersicht:
  1. Was ist das ?
  2. Symptome
  3. Diagnose
  4. Ursachen
  5. Therapie
  6. Erscheinungsbild
  7. Persönlichkeit

 
Was ist das ?
 
Das Borderline-Syndrom zählt inzwischen zu den meist verbreiteten und gefährlichsten psychischen Erkrankungen und gehört zu den "emotional instabilen Persönlichkeitserkrankungen". Die Betroffenen neigen dazu, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren und leiden unter häufigen Stimmungsschwankungen. Ihre Fähigkeit vorauszuplanen ist gering und Ausbrüche intensiven Ärgers können zu explosivem, manchmal gewalttätigem Verhalten führen. Zudem sind das eigene Selbstbild und Zielvorstellungen unklar und gestört. Ihre Neigung zu intensiven, aber unbeständigen zwischenmenschlichen Beziehungen kann zu wiederholten emotionalen Krisen mit Suiziddrohungen bzw. Suizidversuchen oder selbstschädigenden Handlungen führen.
 
 
Symptome
 
Jeder Mensch kann manche, der nachstehend angeführten Symptome, bei sich wahrnehmen ohne deshalb unter dem Borderline-Syndrom zu leiden.
 
Aber auch für die vom Krankheitsbild Betroffenen ist oft nur ein Teil der Beschwerden wahrnehmbar und diese nehmen bei jeder Borderline-Persönlichkeit andere Ausprägungen an.
 
Es werden nun körperliche, seelische und sich im Verhalten spiegelnde Symptome beschrieben:
  • Angstzustände
  • Zwänge
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Körperliche Anspannung
  • Schlafstörungen
  • Alpträume
  • Innere Leere
  • Unwirklichkeitsgefühle
  • Hoffnungslosigkeit
  • Deprimiertheit
  • Verzweiflung
  • Antisoziales Verhalten
  • Häufige und unangemessene Zornausbrüche
  • Autoaggressivität
  • Fremdaggressivität
  • Wut
  • Suizidalität / Suizid
  • Drogenmißbrauch
  • Multivariante Sexualität (häufig wechselnde sexuelle Kontakte)
  • Eßstörungen
  • Stimmungsschwankungen
  • Schwierigkeiten seine Gefühle wahrzunehmen
  • Selbstabwertung
  • Selbsthaß
  • Versagensängste
  • Schuldgefühle
  • Schwarzweiß-Denken
  • Massive Angst vor dem Alleinsein und Verlassenwerden
  • Unfähigkeit fremde Hilfe anzunehmen
 
Diagnose
 
Ein Borderline-Syndrom liegt mit großer Wahrscheinlichkeit vor, wenn ein Mensch unter mindestens fünf der folgenden neun Beschwerden leidet:
 
1.) Chronische Gefühle von Leere und Langeweile
2.) Starke Stimmungsschwankungen
3.) Häufige und unangemessene Zornausbrüche
4.) Extreme Impulsivität bei potentiell selbstzerstörerischen Verhaltensweisen
5.) Selbstverletzungen und Suiziddrohungen bzw. Suizidversuche: z.B.
  • selbstzugeführte Schnitt- und Stichverletzungen oder
  • Exzesse mit Drogen, Alkohol oder Nahrungsmitteln
6.) Unangemessen intensive, jedoch auch unbeständige, zwischenmenschliche Beziehungen, die meist durch einen Wechsel von extremer Idealisierung und Abwertung charakterisiert sind
7.) Fehlen eines klaren "Ich"-Identitätsgefühls: Patient weiß oft nicht wie und wer er eigentlich ist
8.) Verzweifelte Bemühungen, die reale oder eingebildete innere Angst vor dem Verlassen-Werden zu vermeiden
9.) Streßabhängige paranoide Phantasien oder schwere dissoziative Symptome
 
Nicht jeder Betroffene leidet unter allen Symptomen und diese nehmen bei jeder Borderline-Persönlichkeit andere Ausprägungen an.
 
Nun sollen obige Kriterien im einzelnen näher beschrieben werden:

Ad 1.) CHRONISCHE GEFÜHLE VON LEERE UND LANGEWEILE

Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung können durch chronische Gefühle von Leere gequält sein. Da sie leicht gelangweilt sind, sind sie unter Umständen dauernd auf der Suche danach, etwas zu tun.

Ad 2.) STARKE STIMMUNGSSCHWANKUNGEN

Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung können eine affektive Instabilität zeigen, die auf eine ausgeprägte Reaktivität der Stimmung zurückzuführen ist (z.B. schwere episodische Dysphorie, Erregbarkeit oder Angst, wobei diese Verstimmungen gewöhnlich einige Stunden, selten länger als einige Tage andauern). Die dysphorische Grundstimmung von Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wird häufig durch Perioden der Wut, Angst und Verzweiflung unterbrochen, selten aber auch durch Perioden des Wohlbefindens oder der Zufriedenheit. Möglicherweise spiegeln diese Episoden die extreme Reaktivität der betroffenen Personen gegenüber zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ad 3.) HÄUFIGE UND UNANGEMESSENE ZORNAUSBRÜCHE

Diese Menschen zeigen häufig unangemessen heftigen Zorn oder haben Schwierigkeiten ihre Wut zu kontrollieren. Sie können extremen Sarkasmus, anhaltende Verbitterung oder verbale Ausdrücke an den Tag legen. Diese Wut bricht häufig dann aus, wenn eine Bezugperson oder ein Partner als vernachlässigend, nicht fürsorglich oder zurückweisend erlebt wird. Den Äußerungen von Wut folgen häufig Scham- und Schuldgefühle, die ihrerseits zu dem Gefühl "schlecht zu sein" beitragen können.

Ad 4.) IMPULSIVITÄT BEI SELBSTZERSTÖRERISCHEN VERHALTENSWEISEN

Die mangelnde Impulskontrolle zeigt sich in sprunghafter, unberechenbarer Impulsivität als Reaktion auf jeden stärker werdenden Anstieg von Triebspannungen oder sehr starken Emotionen. Diese Impulsdurchbrüche dienen in einem hohem Ausmaß dem Ausagieren enormer innerer Spannungen. Einen weiteren Grund für den Verlust der Impulskontrolle stellen diffuse Ängste dar. Die Betroffenen zeigen Impulsivität bei mindestens zwei potentiell selbst- schädigenden Aktivitäten, wie z.B. Exzesse mit Drogen, Alkohol (Substanzmißbrauch) oder Nahrungsmitteln ("Freßanfälle"), unverantwortliche Geldausgaben, Spielsucht, risikoreiches Sexualverhalten oder rücksichtsloses Autofahren.

Ad 5.) SELBSTVERLETZUNGEN UND SUIZIDDROHUNGEN BZW. -VERSUCHE:

Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung neigen zu Selbstverletzungsverhalten (wie z.B. selbstzugeführte Schnitt- und Stichverletzungen), Selbstmordandeutungen oder - drohungen aber auch zu wiederholten Suizidhandlungen. Vollendete Suizide kommen bei 8-10% der Betroffenen vor, Selbstverletzungshandlungen (wie z.B. schneiden oder brennen), Selbstmorddrohungen und -versuche sind sehr verbreitet. Wiederholte Suizidalität ist oft der Grund, daß diese Personen Hilfe suchen. Den selbstschädigenden Handlungen gehen gewöhnlich massive innere Spannungen, Erlebnisse drohender Trennung bzw. Zurückweisung oder aber Erwartungen, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen voraus. Selbstverletzungen können im Rahmen von dissoziativen Erfahrungen auftreten. Sie haben neben der Spannungsabfuhr oft ein Gefühl der Entlastung zur Folge, z.B. indem diese Patienten durch das Fließen des Blutes bestätigt werden, daß sie noch am Leben sind und sich fühlen können oder indem Selbstverletzungen dazu dienen, für das Gefühl des Schlechtseins zu büßen.

Borderline-Patienten ringen aus Angst vor der inneren Leere mit allen Mitteln um das Gefühl des Lebendigseins. Der Kampf um das Gefühl zu leben kann soweit gehen, daß sie sich körperliche Verletzungen zufügen oder sich riskanten Situationen aussetzen. Nur im Schmerz und in der Todesangst sind sie sich ihres eigenen Existierens sicher.

Gerade der Wechsel von Vernachlässigung und Mißhandlung kennzeichnet oft die, durch die Lebensgeschichte geprägten, Erfahrungen der Patienten, die verinnerlicht und später am eigenen Körper reinszeniert werden. Die Selbstverletzung ist oft die einzige "Fürsorge", sie wirkt wie ein Beruhigungsmittel gegen Zustände völliger Depression (Leere, Hoffnungslosigkeit, Stillstand). Die haßerfüllte, feindselige Beziehung zum eigenen Körper ist die Wendung vom Opfer zum Täter.

Selbstverletzendes Verhalten hat verschiedene Funktionen:

Es tritt häufig in einem Zustand des Alleinseins auf, wenn der Kontakt zur Umwelt verloren geht.

Es wirkt antidepressiv: Gefühle von Leere, völliger Hoffnungslosigkeit und des Grauens (Einsamkeit, Alleinsein) werden unterdrückt.

Es dient als narzißtisches Regulativ: Das Gefühl "Ich bin eine Ritzerin" verleiht Gefühle von Stolz, Stärke und Autarkie. Die Schmerzunempfindlichkeit ist meist das einzige, worauf die Patienten wirklich stolz sind.

Es dient der Suizidvorbeugung. Es handelt sich um eine Wendung der Aggression gegen das Selbst, aber in abgeschwächter Form. Es ist ein Kompromiß zwischen Lebenswillen und destruktiven Impulsen.

Es ist Ausdruck einer Depersonalisation. Das Blut als Zeichen des Lebens verleiht das Gefühl von Lebendigkeit durch Schmerz.

Ad 6.) MUSTER INSTABILER, ABER INTENSIVER BEZIEHUNGEN

Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung neigen zu unangemessen intensiven jedoch auch unbeständigen zwischenmenschlichen Beziehungen, die meist durch einen Wechsel von extremer Idealisierung und Abwertung charakterisiert sind. Sie idealisieren mögliche Bezugsperonen oder Liebhaber oft bei der ersten oder zweiten Begegnung. Sie fordern viel gemeinsame Zeit ein und teilen diesen bereits am Anfang einer Beziehung intime Einzelheiten mit. Jedoch können sie plötzlich von einer Idealisierung in eine Entwertung anderer Menschen umschlagen und meinen, daß der andere sich nicht genügend kümmere, nicht genügend gebe, nicht genügend "da" sei. Personen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung können einfühlsam und fürsorglich sein, jedoch nur in der Erwartung, daß der andere ihnen dann auch zur Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse zur Verfügung steht. Die Betroffenen neigen zu plötzlichen und dramatischen Änderungen in ihrer Sichtweise von anderen, die einmal als wohltätig unterstützend, dann als grausam bestafend erlebt werden. Solche Wechsel spiegeln häufig eine Enttäuschung über Bezugspersonen wider, die wegen ihrer fürsorglichen Qualitäten zunächst idealisiert wurden oder mit deren Ablehnung oder Rückzug gerechnet wird.

Ad 7.) FEHLEN EINES KLAREN "ICH"-IDENTITÄTSGEFÜHLS

Es findet sich häufig eine Identitätsstörung, die durch ein deutlich und andauernd instabiles Selbstbild oder instabile Selbstwahrnehmung charakterisiert ist. Der Patient weiß oft nicht wie und wer er eigentlich ist. Im Selbstbild finden sich plötzliche dramatische Wechsel, die in Veränderungen von Zielsetzungen, Wertvorstellungen und Berufswünschen zum Ausdruck kommen. Es können sich unvermutet Veränderungen von Meinungen und Planungen hinsichtlich des Berufsweges, der sexuellen Orientierung, hinsichtlich Wertvorstellungen und der Art der Freunde einstellen. Die Betroffenen wechseln unter Umständen unvermittelt von der Rolle eines bedürftigen hilfesuchenden Bittstellers in die eines hochnäsigen Rächers. In ihrem Selbstbild sind diese Menschen gewöhnlich böse und sündig, zwischenzeitlich können sie aber auch das Gefühl haben, überhaupt nicht zu existieren. Solche Vorstellungen treten üblicherweise in Situationen auf, in denen die betoffene Person einen Mangel an wichtigen Beziehungen, an Versorgtsein und Unterstützung erlebt.

Manche Borderline-Patienten können ihre Selbstgrenzen nur erleben, wenn sie mit einem idealisierten Objekt verschmelzen. Die Patienten hungern nach Identifizierung, um ihre innere Leere auszufüllen und fürchten sich gleichzeitig davor, weil für sie die Gefahr des völligen Identitätsverlustes enorm groß ist.

Ad 8.) ANGST VOR DEM VERLASSEN-WERDEN

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung bemühen sich verzweifelt, tatsächliches oder erwartetes Verlassenwerden zu vermeiden. Die Wahrnehmung drohender Trennung oder Zurückweisung oder der Verlust äußerer Struktur kann zu grundlegenden Veränderungen des Selbstbildes, der Affekte, des Denkens und des Verhaltens führen. Die betroffenen Individuen sind sehr empfindlich gegenüber Einflüssen aus ihrer Umgebung. Sie erleben intensive Ängste vor Verlassenwerden und unangemessene Wut schon dann, wenn sie mit einer realistischen zeitlich begrenzten Trennung oder mit unvermeidbaren Änderungen von Plänen konfrontiert sind (z.B. Angst oder Wut, wenn eine wichtige Bezugsperson sich nur wenige Minuten verspätet oder eine Verabredung absagen muß; plötzliche Verzweiflung infolge des Hinweises des Therapeuten auf das Ende der Stunde). Sie neigen dazu zu glauben, daß dieses "Verlassenwerden" bedeutet, daß sie "böse" seien. Diese Ängste vor dem Verlassenwerden stehen in Zusammenhang mit der Unfähigkeit, alleine zu sein bzw. mit dem Bedürfnis, andere Menschen bei sich zu haben. Ihr bezweifeltes Bemühen, Verlassenwerden zu vermeiden, mag impulsive Handlungen wie Selbstverletzungs- oder suizidales Verhalten einschließen, die ausführlicher unter Punkt 5 beschrieben werden.

Ad 9.) PARANOIDE PHANTASIEN ODER DISSOZIATIVE SYMPTOME

Unter starker Belastung, wie zum Beispiel intensivem Streß, können vorübergehend paranoide Vorstellungen oder dissoziative Symptome (z.B. Depersonalisation) auftreten. Diese sind gewöhnlich von geringem Ausmaß oder von kurzer Dauer und rechtfertigen deshalb keine zusätzliche Diagnose. Solche Episoden treten überwiegend als Reaktion auf tatsächliches oder erwartetes Verlassenwerden auf. Die Symptome sind gewöhnlich vorübergehend, dauern Minuten oder Stunden. Die tatsächliche oder wahrgenommene Rückkehr der Bezugsperson kann zur Rückbildung der Symptome führen.
 
 
Ursachen
 
Aufgrund unterschiedlicher wissenschaftlicher und therapeutischer Ausrichtungen gibt es mehrere Theorien über die Entstehung der Borderline-Erkrankung.

Es läßt sich ein gehäuftes Auftreten einer Borderline-Persönlichkeitsstörung feststellen, wenn folgende 4 Faktoren in der Kindheit zusammengekommen sind:

1.) Temperamentvolle Kinder sind gefährdeter (im Sinne biologischer Anlagen)

2.) Verlusterlebnisse in der Kindheit (können jedoch auch nur in Phantasie des Kindes stattfinden)

3.) Schmerzen (Kinder, die häufig krank sind und oft unter starken Schmerzen leiden)

4.) Aggressionen, denen Kinder ausgesetzt sind (Streitereien, Mißbrauch, Kriege,...)

Da zur Entwicklung eines Borderline-Syndroms mehrere Ursachen auslösend sind sollen hier noch weitere Faktoren genannt werden:

5.) Störung der Entwicklung innerhalb der ersten drei Lebensjahre:

Dieser Altersabschnitt ist für die Entstehung des Borderline-Syndroms von besonderer Bedeutung, weil sich in diesem Zeitraum die Grundsteine der Persönlichkeit entwickeln.

Die wichtigste Bezugsperson kann aus persönlichen oder gesundheitlichen Gründen nicht empathisch auf das Kind eingehen: sie ist vielleicht selbst psychisch instabil, sie hat persönliche Probleme in der Partnerschaft, im Beruf,...

Borderline-Persönlichkeiten haben nicht gelernt, daß eine Person gleichzeitig gut und böse sein kann, sondern halten diese Züge eines Menschen strikt voneinander getrennt.

6.) Häufig findet man in der Kindheit des Betroffenen ein Verlassenheitstrauma:

Die wichtigste Bezugsperson steht aus anderen Gründen "nicht zur Verfügung". Zum Beispiel weil ein neues Geschwisterchen zur Welt kommt oder ein Angehöriger intensive Pflege benötigt (lange andauernde Überforderung) etc.

Weiters kann auch das reale Verlassenwerden durch z.B. einen Krankenhausaufenthalt (des Kindes selbst oder der Bezugsperson) oder eine längere berufliche Abwesenheit der Bezugsperson ein traumatisches Erlebnis für das Kind sein

7.) Emotionale Vernachlässigung

Die "Primärversorgerinnen" waren lieblos, empathielos und überwiegend destruktiv, häufig jedoch auch in der aggressionswertigen Überfürsorglichkeit.

8.) Konflikte im Jugendalter (z.B. im Rahmen der Ablösung der Jugendlichen vom Elternhaus)

9.) Traumatische Erlebnisse

10.) (Sexueller) Mißbrauch

Borderline-Patienten sind in einem subtil wechselnd stark destruktiven Milieu aufgewachsen, wobei sich diese Destruktivität auch - und das überzufällig häufig - in direkter körperlicher Gewalt (Prügel) und sexuellen Übergriffen (sexueller Mißbrauch durch den Vater) manifestieren kann.

Zudem sorgen viele gesellschaftliche Veränderungen dafür, daß sich aus einer leichten Persönlichkeitsentwicklungsstörung eine massive Borderline-Störung entwickeln kann.

Insbesondere die Individualisierungstendenz, verbunden mit einem Rückgang der Unterstützung durch Familie und soziales Umfeld, sind hier als Beispiele zu nennen.
 
 
Therapie
 
Die wichtigste und auch zielführendste Behandlung des Borderline-Syndroms stellt die Psychotherapie dar. Weiters kann es sinnvoll sein, je nach Intensität der Symptome, gegebenenfalls entsprechende Medikamente zu verabreichen.

Indikationen für eine stationäre Therapie

1.) Hohe Suizidalität oder Fremdgefährdung

2.) Massive psychotische oder psychosenahe Symptomatik

3.) Fehlendes soziales Netz oder chaotische Familienbeziehungen

4.) Motivationsbildung für ambulante Psychotherapie

5.) Standortbestimmung für Patienten mit geringer Therapievorerfahrung

6.) Krisenhafte Zuspitzung des Zustandes

7.) Ausgeprägte interpersonelle Schwierigkeiten

8.) Sucht

Ambulante Psychotherapie

Aus dem Spektrum der psychotherapeutischen Methoden kommen insbesondere tiefenpsychologische und verhaltenstherapeutische Methoden in der Form von Einzel- und/oder Gruppentherapien zum Einsatz.

Vor allem die Individualpsychologie versucht, die unbewußte Bedeutung von Krankheits- und Leidenszuständen zu verstehen und den Patienten zu helfen, neue Erlebnis-, Entscheidungs- und Handlungsspielräume zu finden.

Alle Behandlungsmethoden haben ein gemeinsames Ziel im Auge: Ein effektiveres Bewältigen des Lebens, welches dann als weniger geheimnisvoll, weniger schädlich und damit als angenehmer wahrgenommen werden kann. Bei diesem Prozeß geht es meistens darum, Einsicht in die Unproduktivität des aktuellen Verhaltens zu bekommen. Im Rahmen der Therapie wird die Entwicklung neuer Möglichkeiten gefördert, um mit den Belastungen des Lebens besser fertig zu werden. Weiters geht es auch um ein schrittweises Erlernen von angemessenem Sozialverhalten als Ersatz für gestörtes Verhalten.

Der wesentlichste und somit auch wichtigste Teil der Therapie ist die Beziehung zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. Diese Wechselbeziehung bildet die Grundlage für Vertrauen, Objektkonstanz und emotionale Intimität. Der Therapeut wird zu einer Vertrauensfigur. Diese geglückte stabile therapeutische Beziehung ermöglicht den Patienten eine neue Beziehungserfahrung im Gegensatz zu alten bedrohlichen Bildern. Der Borderline-Patient lernt dadurch zunehmend seine Erwartungen und sein Vertrauen auch auf andere Personen zu erweitern.

Das Ziel der Psychotherapie liegt darin, dem Patienten zu helfen, sich individuell zu entwickeln und mehr persönliche Freiheit zu erlangen. Weiters wird durch die Therapie die Fähigkeit des Patienten gesteigert, sich selbst und andere als zusammenhängende, integrierte und realistisch wahrgenommene Individuen zu erleben. Im Rahmen der Psychotherapie lernt der Patient, seine Impulse zu kontrollieren, Angst zu tolerieren, Affekte zu regulieren, Triebwünsche zu sublimieren und Intimität und Liebe zu erleben.

Krankheitsverlauf

Der Verlauf der Bordeline-Persönlichkeitsstörung ist recht unterschiedlich. Am häufigsten wird ein Muster chronischer Instabilität im jungen Erwachsenenalter mit Phasen schwerwiegenden affektiven und impulsiven Kontrollverlustes und einer häufigen Nutzung von Einrichtungen des allgemeinen Gesundheitswesens und spezieller psychiatrischer Institutionen beobachtet. Sowohl störungsbedingte Beeinträchtigungen als auch die Suizidgefahr sind in den jungen Erwachsenenjahren am größten und nehmen dann allmählich mit fortschreitendem Alter ab. Zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr erlangt die Mehrzahl der Personen mit dieser Erkrankung eine größere Stabilität in ihren Beziehungen und beruflichen Funktionen.
 
 
Erscheinungsbild
 
1. Beziehung
  • Intensive, aber wacklige Beziehungen zu anderen, letzlich zur gesamten Wirklichkeit.
  • Ein (häufiger) Wechsel von Idealisierung und Entwertung anderer, aber auch der eigenen Person.
  • Angst vor Alleinsein und Zusammensein.
  • Verzweifeltes Bemühen, wirkliches oder gefühlsmässiges Alleinsein zu verhindern.
  • Lebenslange Anstrengungen, zu einer erfüllteren Partnerbeziehung zu kommen.
  • Starke Sehnsucht, verstanden und geliebt zu werden.
  • Mangel an Vertrauen und Selbstvertrauen.

Eine Dosis unbestechlichen Misstrauens und fehlender Naivität kann sich bei Führungsaufgaben im Beruf bewähren. Ebenso eine scharfe Beobachtungsgabe, um geeignete Leute zu gemeinsamen Aufgaben zusammenzuführen.

 
2. Handeln
  • Selbstschädigende Aktivitäten, wie süchtiges Essen, Trinken, Rauchen, Drogenkonsum.
  • Neigung zu Selbstverletzung bis hin zu Selbstverstümmelung, Selbstmordversuchen und Selbstmorden.
  • Süchtiger, auslaugender, nicht zur Befriedigung führender Sex.
  • Zwanghaftes Putzen, Arbeitswut ("Workaholics").
  • Rücksichtsloses Fahren, Rechtahberei, sich und andere in Unfälle verwickeln.
  • Rastlos im Einsatz, um Passivität und Langeweile zu vermeiden.
  • Dadurch Entwicklung neuer Ideen und anregender Interessen bis ins hohe Alter.
  • Prügeln und Zurückschlagen als Vorwärtsverteidigung.
 
3. Stimmung und Antrieb
  • Krasse und dabei oft rasche Stimmungswechsel zwischen freundlich und unfreundlich, unbeschwert und deprimiert, ruhig und reizbar, ansgeglichen und panisch-ängstlich.
  • Unerträglich empfundenes, minuten- bis tagelanges Gefühl von innerer Leere und Langeweile.
  • Aus Angst vor Langeweile oft besonders farbige und originelle Alltags- und Urlaubsgestaltung.
  • Impulsiv und spannungsgeladen.
  • Beherrschung und Selbstkontrolle können aussetzen.
 
4. Gefühle
  • Intensive Wut und Wutausbrüche, manchmal aus dem Nichts, manchmal aus einem Affektstau heraus
  • Hass und Selbsthass.
  • Tiefe Verzweiflung.
  • Typischerweise befällt Menschen in ihrer Umgebung ein Gefühl von Hochspannung oder erhöhter Aufmerksamkeit.
  • Ständige Versuche, echt zu sein und Ehrlichkeit vom Gegenüber zu fordern, besonders in Liebesbeziehungen und anderen nahen Kontakten.
  • Wollen sich und andere vor Ungerechtigkeit und falschen Kompromissen schützen.
  • Gefühle werden entweder extrem ausgelebt oder total zurückgenommen.
 
Persönlichkeit
 
1. Selbstbild
 
  • Mangel an Selbstliebe und Selbstrespekt.
  • Ständige Ueberprüfung ihrer Selbstsicherheit.
  • Suchen nach Bestätigung bis zur Provokation von Ablehnung.
  • Hochsensibel gegen falsches Lob.
  • Einschätzung von sich und anderen schwankt gewöhnlich extrem.
  • Unsicherheit in ihrer Geschlechtsrolle.
  • Vorübergehende oder längere homoerotische Beziehungen aus Angst vor dem anderen Geschlecht.
  • Auf der Suceh nach immer vollkommenerer Partnerschaft oder aus Bindungs- und Trennungsangst wird in Haupt- und Nebenbeziehungen aufgespalten.
  • Schwierigkeit, langfristige berufliche und andere übergeordnete Ziele zu planen und zu erreichen.
  • Stärken sind Spontaneität, Beweglichkeit und Idealismus.
 
2. Wertvorstellungen

Idealisierung und Entwertung führen zu Fehleinschätzungen und überschiessenden Reaktionen in Beziehungen aller Art. Schwarz-Weiss-Denken und erlebnismässige Wechselbäder, so dass jemand in einem Moment nur als gut oder nur als böse gesehen wird. Das jeweils Ausgeblendete, wird oft gar nicht wahrgenommen, also auch nicht vermisst.

  • Jemand kann im gleihen Atemzug für hochintelligent und strohdumm gehalten werden.
  • Auffälliges Bemühen, für andere gewöhnlich vereinbar Erscheinendes strikt getrennt zu sehen.
  • Auch das gegenteilige Bemühen, unvereinbar Ersscheinendes miteinander zu vereinbaren, kann stark sein.
  • Gefahr, Ideologien anheimzufallen.
  • Tendenz, die innere Spaltung auf andere oder Gruppen zu übertragen. Dies befreit von unerträglichem Druck durch Hass und Liebe gleichzeitig.
  • Typisch sind auch Sprachgewandtheit, Witz und unterschweilliger Humor.
 
3. Nähe und Distanz

Mangelnde Abgrenzung von einer anderen Person, die nah, aber bedrohlich erlebt wird, führt zum Versuch, diese möglichst ununterbrochen zu kontrollieren. Eigene Wut und Aggression kommen nicht selten als Bumerang zurück. Das Ausdrücken eigener negativer Gefühle befreit nicht, obwohl die andere Person sich sehr getroffen und verwickelt fühlen kann. Die einfache "Pro-jektion" (=Hineinwerfen, Vorwerfen) funktioniert nicht, weil sich der Borderline-Mensch gleichzeitig mit seinem Gegenüber identifiziert, also Angreifer und Angegriffener in einer Person erlebt.

Dieser letztgenannte Mechanismus ist gesellschaftlich besonders interessant. Bei neurotischen und psychisch "normalenDDD" Menschen funktioniert nämlich Projektion, z. B. im Freund/ Feind-Schema, jemanden zum Sündenbock zu machen, vordergründig oder subjektiv ganz gut.

 
4. Realitätsbezug

Im Unterschied zum Schizophrenen ist der Borderline-Mensch fähig, die Wirklichkeit als solche einzuschätzen. Das subjektive Erleben von Wirklichkeit kann jedoch höchst unterschiedlich und schillernd sein. Anderen vertraut Erscheinendes kann als sehr fremdartig erlebt werden. Daraus ergibt sich ein oft nicht oder nicht mehr realitätsgerechtes Verhalten. Ein Mangel an Selbstkontrolle und an Fähigkeit, Angst auszuhalten, verschlechtern vor allem in unvorhersehbaren, schwierigen Situationen die Aussicht, angemessen zu reagieren.

Im Umgang mit Beziehungen und mit der Wirklichkeit im ganzen zeigt sich eine grundlegende Schwierigkeit und Stärke der Borderline-Menschen: Er nimmt widersprüchlich und bruchstückhaft wahr. Er erschafft die Wirklichkeit gleichsam immer wieder neu. Das macht seine Lebendigkeit und Kreativität, aber auch seine Verwirrung und Orientierungslosigkeit aus. Mit dem ersten fasziniert er gewöhnlich, kann aber auch schockieren. Mit dem zweiten löst er Ratlosigkeit oder gar Angst aus, weil er sich anderen nicht vermitteln kann.

Eine Voraussetzung dafür, unsere widersprüchliche und komplexe Welt zu verstehen und in ihr zu bestehen, scheint aber gerade die Fähigkeit zu sien, Beobachtungen und Perspektiven wechselweise zu polarisieren und zu bündeln.
 
Quelle von "Erscheinungsbild": Joachim Gneist, Wenn Hass und Liebe sich umarmen